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Die erste Motorfahrt auf dem Hochrhein

Pionierleistung von Ernst Reimann, Josef Grell und Albert Grell

Es war im Oktober 1908, als der bekannte Schiffbauer und Bootsführer Ernst Reimann, damals Angestellter der Kraftübertragungswerke Rheinfelden und Fahrchef des Pontonierfahrvereins Rheinfelden, sich die kühne Aufgabe stellte, die Rheinstrecke oberhalb Rheinfelden bis zum Rheinfall trotz aller vorhandenen Stromschnellen mit einem durch motorische Kraft betriebenen Schiffe bergwärts und talwärts zu befahren.

Zu diesem Zweck baute er einen Weidling in der Form der Pontonier-weidlinge, nur etwas länger, breiter und ziemlich höher, vorn und hinten etwas mehr aufgezogen, um gegen Wellen besser geschützt zu sein. Sein Freund, der Mechaniker Josef Grell, stellte einen 4-PS liefernden Motor zur Verfügung, den Reimann in das Boot einbaute und dessen Kraft auf eine Wasserradwelle mit zwei seitlichen Rädern übertragen wurde, so dass ein niedlicher <Seitenrad-Dampfer> entstand. Ein gewöhnliches Hebelsteuer diente zur Steuerung des Bootes.

Nach einigen Probefahrten, die erfolgreich verliefen, beschlossen die beiden Wasserratten, eine grössere Fahrt oberhalb des Kraftwerkes über die 4 Kilometer lange Stromschnelle im Schwörstadter <Gwild> zu absolvieren. Ernst Reimann gab seine Absicht, sogar weiter bis zum Rheinfall zu fahren, noch nicht bekannt, um es vorläufig dem Schicksal zu überlassen, die Weiterfahrt zu gestalten.

Die Stromschnellen im Schwörstadter <Gwild> waren nicht zu verachten. Sie stellten bedeutende Anforderungen an die Führer eines so kleinen Bootes und es kam den beiden kühnen Rheinbezwingern sehr gelegen, als sich Albert Grell, der Bruder des Mechanikers, für die nächsten paar Kilometer als Hilfsschiffsmann zur Verfügung stellte, denn das <Gwild> erforderte Stellenweise die Nachhilfe mit dem Stachel, den Albert Grell vorzüglich handhabte. An einer schwierigen Stelle, bei der Umfahrung einer Salmenwaage, entglitt ihm jedoch der Stachel; er stürzte sich, wie er stand und war, in den Strom, fing den Stachel ein und brachte ihn auf dem Landweg wieder zum Boot.

Nach der Überwindung der Stromschnellen erreichte man bald Wallbach, wo bei den dortigen Pontonieren ein kurzer Halt gemacht wurde. Die Dunkelheit brach schon herein, als man nach einer Bergfahrt von weiteren 20 Kilometern Sisseln erreichte, wo man zu übernachten gedachte.

Albert Grell nahm sein Fahrrad, das er auf dem Motordach versorgt hatte, und radelte in seinen nassen Kleidern nach Rheinfelden zurück.

Tags darauf, es war der 3. Oktober, mussten die Stromschnellen von Laufenburg überwunden werden, wo das Kraftwerk damals noch nicht bestand. Es war unmöglich, mit dem Schiff das laut aufschäumende Gewirr zu durchfahren, das sich damals gleich einem Wasserfall zwischen Klippen und Felsen hinabwälzte. Das Schiff musste auf dem Landtransport die Schnellen umgehen, wobei der bekannte Pontontrans-porteur Fricker seine Erfahrung zur Verfügung stellte, so dass der Raddampfer am Nachmittag oberhalb der Stromschnellen im <Giesen> wieder eingesetzt werden konnte. Unter der Mithilfe von Fischereimeister Ruep von Klein-Laufenburg wurde am gleichen Tag noch der Schwader-locher Lauffen überwunden und in Albbruck dann das Nachtlager bezogen. Am dritten Reisetag, dem 4. Oktober, starteten sie schon früh am Morgen und legten an diesem Tag die beachtliche Strecke von 35 Kilometern zurück. Als erstes Hindernis galt es an diesem Tag den Koblenzer Lauffen zu meistern. Der Lauffen, der im Mittelalter ein eigentlicher Rheinfall gewesen war, zeigt immer noch ein Gefälle von 1,30 Meter, welche Höhe sich nicht auf eine Strecke von mehreren Metern erstreckte, sondern in einem Ruck genommen werden musste. Mit der Hilfe von zwei weiteren wetterfesten Wasserratten, Vater und Sohn Gassler aus Koblenz, und einer Hilfsmannschaft, bestehend aus Leuten von der nahen Kalkmühle, wurde auch diese Hürde gemeistert. Aus der Absicht, oberhalb Rheinsfelden am heutigen Standort des Kraftwerkes Eglisau in einem kleinen Gasthof die Nacht zu verbringen, wurde leider nichts, da die Zimmer schon alle belegt waren. Nach den durchgemachten Strapazen verzichteten die beiden auf ein Lager im Stroh und entschlossen sich spontan, bis Eglisau durchzufahren.

Am nächsten Tag - man schrieb den 5. Oktober 1908 - wurde trotz Verzögerung durch eine Reparatur am Vergaser noch am Vormittag das Signal zur Abfahrt gegeben. Das Fahrzeug arbeitete sich rheinaufwärts, um bald in den <Rheinauer Gewässern> aufzutauchen und auch dort Staunen zu erregen. Nach einem gemütlichen Mal und einer zweiein-halbstündigen Fahrt gelangten sie in das Rheinfallbecken.

Wer nun aber annimmt, dass sich die Rheinfahrer nach der mehrtägigen mühevollen Reise der Ruhe hätten hingeben können, irrt sich gewaltig, denn die Neuhauser hatten mit dem pfupfenden Dämpferchen bald Freundschaft geschlossen und alle, die zur Begrüssung gekommen waren, wünschten eine Fahrt darauf mitzumachen.

Das war die erste Fahrt, die rheinaufwärts über Rheinfelden hinaus mit einem motorisch betriebenen Fahrzeug durchgeführt wurde.

Dass die Rheinfahrer von den Schaffhauser Pontonieren, die gerade an diesem Tage bei einem fröhlichen Familienfest im <Schiff> beisammen sassen, kameradschaftlich empfangen und zu ihrer <glückhaften Fahrt> lebhaft beglückwünscht wurden, versteht sich von selbst.

Am 8.Oktober wurde dann die Rückfahrt angetreten. Sie verlief in allen Punkten günstig. Nach weiteren verschiedenen Begrüssungen und Festen trafen die beiden Pioniere der Hochrheinschiffahrt, die trotz allen Erwartungen bis dahin nie hatte realisiert werden können, wieder in ihrem geliebten Rheinfelden ein, wo eine grössere Menschenmenge zum Empfang bereitstand. 

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